#1 Harald Stöger – Bildung und/oder Ausbildung? Herausforderungen und Perspektiven des universitären Sektors

Die Universitäten sind wieder stärker in den Fokus der medialen und teils auch politischen Debatten gerückt. Gegenwärtig wird ein „Paradigmenwandel“ des universitären Sektors festgestellt, der sich in überraschend kurzer Zeit – auch in Österreich – durchgesetzt hat und zum Bruch mit seit dem 19. Jahrhundert verfestigten akademischen Traditionen führte.

 

Die Universitätslandschaft war im deutschsprachigen Raum durch die Ideen Alexander v. Humboldts geprägt, während angelsächsische Universitäten traditionell anderen Grundsätzen folgten. Humboldt stand für „zweckfremde“ Bildung, die nicht direkt auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet war, sondern auf die Persönlichkeit abzielte, aber auch für elitäre Abschottung und eine geringe Neigung zur Innovation.

Der Grundsatz der Ausbildung hingegen betont den „praktischen Nutzen“ universitärer Studiengänge, die auf die Bedürfnisse der Arbeitsmärkte ausgerichtet sind und ihre Absolventen für eine sich wandelnde Berufswelt qualifizieren sollen. Verkürzt formuliert werden tertiäre Bildungseinrichtungen in die Pflicht genommen, zur Stärkung des „Humankapitals“ beizutragen, und entwickeln sich so zum Verbündeten der „Standortpolitik“, die Unternehmen und Arbeitnehmer für den globalen Wettbewerb rüsten soll.

Es ist kein Geheimnis, dass die annähernd flächendeckende Durchsetzung des „Bologna-Systems“ dem Grundsatz der Ausbildung auch im deutschsprachigen Raum zum Durchbruch verholfen hat.

So umstritten dieser Wandel auch sein mag, manche Beobachter konstatieren eine „Ökonomisierung“ der tertiären Bildung, so trägt er letztlich doch verschiedenen gesellschaftlichen Interessen Rechnung: Die Forderungen der Arbeitgeber spielen ebenso eine Rolle wie das verständliche Bedürfnis der Studierenden nach beruflichen Perspektiven und einem raschen Einstieg in die Arbeitswelt.

Zugleich birgt der Wandel Risiken: Vielfach leiden Studienfächer an einer inhaltlichen Verengung und sperren sich gegen die vielgepriesene (und teils geförderte) interdisziplinäre Zusammenarbeit. Zudem setzen sich auch in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern zunehmend ähnliche, fast standardisierte Inhalte durch. Deutlich wird eine Orientierung an den Lehrinhalten angelsächsischer und teils auch angloamerikanischer Universitäten, die als international führend gelten und in den einschlägigen wissenschaftlichen Medien stark präsent sind. Dies sorgt für eine gewisse Erneuerung an den heimischen Universitäten, bedeutet jedoch auch, dass lokale Besonderheiten verloren gehen, die einzelnen Studien oder Universitätsstandorten eine besondere Note und Qualität verliehen und sie im internationalen Vergleich unverwechselbar machten. Die Wertigkeiten der Studienfächer haben sich deutlich verschoben: Fächer, die auf dem Arbeitsmarkt als gut „verwertbar“ gelten, genießen Vorrang, während „Orchideenfächer“ als weitgehend perspektivlos eingestuft und bei der Vergabe von Budgetmitteln benachteiligt werden. Allerdings ist aufgrund der Unsicherheit der wirtschaftlichen Entwicklung kaum vorhersehbar, welche Studien tatsächlich berufliche Perspektiven eröffnen, und wo sich Hoffnungen und Prognosen nicht erfüllen. Das fast inflationäre Wachstum von Studiengängen erschwert Studienanfängern die Orientierung und führt, anders als ursprünglich intendiert, zu unterschiedlichen Zulassungsregeln für einzelne Studien, die bürokratischen Aufwand verursachen.

In welche Richtung könnte sich die universitäre Lehre entwickeln? Da die fast flächendeckende Durchsetzung des „Bologna-Systems“ kaum revidierbar ist, stellt sich die Frage, welche Veränderungen unter den neuen Rahmenbedingungen überhaupt vorstellbar sind. Wesentlich wäre eine interdisziplinäre Öffnung der Fächer, aber auch mehr Kreativität anstelle einer strengen Ausrichtung an vorgegebenen Inhalten, die für Studierende nicht immer attraktiv sind. Mehr Mut zur Eigenständigkeit wäre einer allzu starken Anpassung an den internationalen „Mainstream“ vorzuziehen. Es profitieren allen Beteiligten nur wenig, wenn an immer mehr Universitätsstandorten immer ähnlichere Inhalte vermittelt werden. Geboten ist auch mehr Platz für die Persönlichkeitsbildung, die gerade in Zeiten rasch veränderlicher Berufsbilder und unklarer Berufslaufbahnen wertvoll sein kann. Dazu gehören das Hinterfragen und Diskutieren von Inhalten (anstelle ihrer kritiklosen Hinnahme), aber auch die Fähigkeit, neue und unkonventionelle Fragen zu stellen und riskante Entwicklungen in Politik und Gesellschaft früh zu erkennen. Schließlich könnte die akademische Lehre profitieren, wenn sie am „Puls der Zeit“ liegt und sich stärker aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen öffnet, gerade auch wenn diese politisch brisant sind. Die gesellschaftliche Einbettung der Universitäten würde dadurch besser sichtbar, und die universitäre Lehre könnte an Attraktivität gewinnen.

 

Dr. Harald Stöger ist Senior
Lecturer am Institut für Sozial-
und Gesellschaftspolitik der JKU.