#2 Sonja Hammerschmid – Bildung für die Zukunft: Neue Wege im Schulsystem

Wir leben in einer Zeit hoher Dynamik und Komplexität, gesellschaftlich wie auch wirtschaftlich. Die Digitalisierung als nur eine Komponente hat unsere Lebens- und Arbeitswelten völlig umgekrempelt. Die Art, wie wir kommunizieren und arbeiten, hat sich radikal geändert. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Wir stehen als Gesellschaft und Volkswirtschaft vor Herausforderungen, die wir nicht im Mindesten abschätzen können. Zuverlässige Prognosen? Nicht verfügbar. Wie also unsere Kinder und jungen Menschen darauf vorbereiten, dass sie diesen Herausforderungen neugierig, konstruktiv und kompetent begegnen können?

 

Schule als Ort, an dem reines Faktenwissen entlang von Disziplinen gelehrt und abgeprüft wird, ist darauf sicher nicht die geeignete Antwort. Eine Bildungspolitik des Bewahrens von längst überholten pädagogischen Konzepten löst keine Probleme. Neue Fragen brauchen neue Antworten.

Natürlich kann in Zukunft auf Fachwissen nicht ganz verzichtet werden, aber es gilt vor allem Kompetenzen zu stärken, die nicht durch Frontalunterricht entlang von Disziplinen und Fächern zu erreichen sind: Problemlösungskompetenz, Selbstorganisation, Selbstwirksamkeit, Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, unternehmerisches Denken und Handeln im breitesten Sinne bis hin zu Lernen lernen – denn unsere Kinder werden es ein Leben lang tun müssen. Die Stärkung von Kreativität und Neugier ist ganz zentral, ebenso wie digitale Kompetenzen als 4. Kulturtechnik zu Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Hier braucht es neue Lehr- und Lernformen (z.B.: offene Lernformen inkl. Binnendifferenzierung, Begabungsförderung, inklusive Settings, etc.) und projektorientierte, interdisziplinäre Unterrichtsformen. Zudem verändert diese Form des Unterrichtens die Rolle der PädagogInnen hin zu MentorInnen.

Die Schule muss als ein Begegnungsraum, ein Ermöglichungsraum gestaltet werden. Ein Raum, der Kreativität und Erfindergeist fördert, der Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gibt, sich auszuprobieren, spielerisch mit und voneinander zu lernen, Fehler zu machen und davon zu lernen und zum Nachdenken anregt.

Die Bildungswissenschaften und viele hochengagierte Pädagoginnen und Pädagogen haben auf diese Herausforderungen mit didaktischen Konzepten und Innovationen reagiert, die auf individualisierten Unterricht, Talentförderung und die Potentialförderung eines jeden Kindes abstellen.

Zum Beleben dieser Schlagwörter braucht es aber an den Schulen die Möglichkeit, autonom zu gestalten. Jedes Kind ist anders, jede Klasse ist anders zusammengesetzt und definitiv gleicht keine Schule einer anderen. Daher wurde mit dem im Jahr 2017 beschlossenen „Autonomiepaket“ die Basis dafür gelegt, neue Formen des Unterrichtens zu ermöglichen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen wurden geschaffen, um Direktorinnen und Direktoren höheren Gestaltungsspielraum an ihren Schulen zu geben, um zielgerichtet steuern zu können, je nachdem wie es die Bedingungen vor Ort verlangen.

Jetzt braucht es Vertrauen in die Kompetenz der Lehrerinnen und Lehrer, verstärkte Weiterbildungsmöglichkeiten und den Mut, die Schule der Zukunft zu gestalten.

Zusätzliche Ingredienzien

Ein Schlüssel zum Erfolg liegt in der Elementarpädagogik, der ersten Bildungseinrichtung. Kindergärten werden oft als „Aufbewahrungsstätten“ abgekanzelt. Sie sind jedoch so viel mehr als das und ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung von Kindern, insbesondere auch, wenn es um sprachliche, soziale und motorische Kompetenzen geht. Eine entsprechende Aufwertung muss über entsprechende Ressourcen und Aus- und Weiterbildung der PädagogInnen erfolgen, gekoppelt an einen pädagogischen Bildungsrahmenplan.

Die Ergebnisse der jüngsten Bildungsstandards zeigen, dass es nach wie vor einen Zusammenhang zwischen dem Bildungshintergrund der Eltern und den Schulleistungen der Kinder gibt. Immer wieder wird uns in internationalen Beispielen und Studien vor Augen geführt, dass die gemeinsame Schule der 6 bis 14-Jährigen und ganztägige Schulformen Schlüsselfaktoren sind für Chancengerechtigkeit. Unser österreichisches Bildungssystem separiert Kinder mit 10 Jahren. Das ist viel zu früh, ja raubt Kindern Bildungschancen. In gut gestalteten ganztägigen Schulen, wo Unterricht, Lern- und Freizeiteinheiten einander abwechseln, ist Zeit, um Schwächere zu fördern und die Talente eines jeden Kindes besonders zu unterstützen. Zusätzliche Nachhilfe wird zur Ausnahme, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie machbar.

Die Umsetzung des Chancenindex, der sich an den Rahmenbedingungen des Standorts und den Schülerinnen und Schülern orientiert und der Ausbau eines inklusiven Schulsystems sind weitere Bausteine, die zu einem Bildungssystem führen, das den Potentialen unserer Kinder und Jugendlichen gerecht wird.

Unser Ziel ist ein Bildungssystem, in dem ALLE Kinder die beste Bildung erhalten. Egal, wer ihre Eltern sind, wo sie wohnen und welchen Namen sie tragen. Kindern und jungen Menschen die Welt zu eröffnen und ihnen die Autorenschaft für ihr eigenes Leben in die Hand zu geben, ist unsere Pflicht.

 

Sonja Hammerschmid ist
Nationalratsabgeordnete und war
von 2016 – 2017 Bildungsministerin.

(Photo: SIMONIS)