#3 Sara Velic – 0,003% oder welches Bildungsverständnis wichtiger als alle Kategorien ist

Die Frage, ob unser Bildungssystem eher mehr Bildung oder eher mehr Ausbildung braucht, kann meiner Meinung nach gar nicht richtig beantwortet werden. Zwischen diesen beiden Begriffen steht ein zu großer Graubereich, dessen Vorgehensweisen und Auswirkungen sich teilweise decken und sich teilweise von einander unterscheiden. Die Frage, die man sich also zuerst stellen muss, ist, inwiefern Bildung und Ausbildung von uns gleichgesetzt werden sollen – oder inwiefern sie besser als differente Konzepte betrachtet werden.

 

Folgendes Gedankenspiel: Dass man sich auch generell „bildet“, wenn man sich bewusst für etwas „ausbildet“, ist, glaube ich, leicht nachvollziehbar. Wenn man sich aber mit Allgemeinwissen „bildet“, ohne sich bewusst für etwas bestimmtes „auszubilden“, bildet man sich nicht trotzdem für die eigene Existenz innerhalb der Gesellschaft aus? Jedenfalls gibt es ein konkretes Thema, ein konkretes Grundelement der Bildung, das derzeit im österreichischen Bildungssystem scheinbar weder als „Bildung“ noch als „Ausbildung“ zählt: das politische Grundverständnis.

Was genau ist damit gemeint? Zusammengefasst: ein Grundverständnis für Demokratie, Rechtstaatlichkeit und die eigene Rolle darin, zudem die Fähigkeit, kritisch zu hinterfragen und selbst zu Entscheidungen und Meinungen zu kommen. Weder der Inhalt der aktuellen Lehrpläne, noch die didaktischen Methoden, wie diese Inhalte vermittelt werden, bringen der breiten Masse an 1,1 Millionen Schüler_innen die beschriebenen Kompetenzen zur Genüge bei. Das ist ein Problem.

Das ist nicht nur ein Problem hinter verschlossenen Schultüren, sondern vor allem ein Problem, das unsere gesamte Gesellschaft – von heute und von morgen – trifft und beeinflusst. Wer nicht versteht, wofür man wählen gehen sollte und warum das wichtig ist, wird es auch nicht tun – und schon gar nicht tun wollen.

Ein Beispiel, das diese Absurdität gut demonstriert: Die österreichische Bundesschüler_innenvertretung. Die Bundesschüler_innenvertretung (=BSV) ist die höchste Vertretung für über 1,1 Millionen Österreicher_innen (Schuljahr 2016/17, Quelle: Statistik Austria). Somit wäre die Gewichtigkeit der Wahl dafür etwa gleich einzuschätzen mit jener der Gemeinderatswahlen in Wien (Wahlberechtigte 2017: 1.154.184, Quelle: BMI). Die BSV setzt sich derzeit jedoch aus nur 29 Personen zusammen (drei aus jedem Bundesland für jeden Schultypen: AHS, BMHS, BS + zwei Vertreter_innen für die Zentrallehranstalten). Welche 29 Personen das sind, entscheiden allein die Schulsprecher_innen (pro Schule also eine Stimme) des jeweiligen Bundeslandes. Aus den 29 BSV-Mitgliedern wird auch der_die Bundesschulsprecher_in gewählt. Wer Bundesschulsprecher_in wird, entscheiden also 29 Personen stellvertretend für 1,1 Mio. Schüler_innen – das entspricht rund 0,003 Prozent der Betroffenen.

Während der derzeitige Bundesschulsprecher sich stolz auf die Fahne schreiben kann, dass er der oberste Vertreter von 1,1 Mio. Östereicher_innen ist, wissen nur die wenigsten, und zwar meistens nur die, die selber innerhalb dieser Vertretungspyramide wahlberechtigt sind, dass es ihn gibt und wie er gewählt wird. In den Klassenzimmern selbst kommt davon gar nichts an. Niemand scheint einen Bundesschulsprecher zu kennen oder zu brauchen. Wenn bei einer Gruppe von 1.130.523 Personen, den Schüler_innen, die stolze Zahl von 1.130.494 Personen nicht wahlberechtigt ist, ist mangelndes Interesse und Aufklärung meines Erachtens eine logische Konsequenz.

Vielleicht denken sich manche, dass ein_e Bundesschulsprecher_in realpolitisch „eh nichts bringt“. Dabei geht es gar nicht vorrangig um den realpolitischen Beitrag eines_r Bundesschulsprechers_in, sondern vielmehr um die Vertretung, um das „Gehört-werden“, um die Partizipation von Schüler_innen in der Politik. Wenn ich als Schülerin das Gefühl habe, dass der_die Bundesschulsprecher_in nichts mit meinem Leben zu tun hat, wie soll ich dann verstehen, dass der_die Bundeskanzler_in sehr wohl mein Leben beeinflusst? „Bildung“ oder „Ausbildung“ hin oder her.

 

Sara Velic ist
Bundesvorsitzende der
Aktion kritischer Schüler_innen (AKS).